Von der Unbedingheit künstlerischen Ausdruckswillens

Ein Beitrag von Ingo Jander

Der mythische Sänger Orpheus verkörpert das Idealbild des Sängers und des Künstlers an sich: Sein Gesang war so einzigartig, so rein und „wahr“, daß er selbst die Götter damit rühren konnte. Seine Kunstfertigkeit war ein Geschenk, ein Talent, das er pflegte, mit dem er sorgsam umging und dem er sein ganzes Dasein weihte, ja, der Gesang war wohl sein Dasein an sich. Er wußte um die Aufgabe und Verantwortung, die ihm mit dieser Gabe auferlegt wurden, seine Gabe war sein Leben.

Einem jungem Menschen, der den Berufswunsch Sänger heute verfolgen möchte, sei ans Herz gelegt, sich diesen Mythos noch einmal vor Augen zu führen. Am Anfang steht wohl der Wunsch, sich musikalisch ausdrücken zu wollen, die Wahl des Instrumentes ist erst der zweite Schritt. Ist es der Gesang, so spielen durch die Natur der Sache bedingt verschiedene Vorgaben eine Rolle, von denen später hier die Rede sein soll.

Bleiben wir aber zunächst beim musikalischen Ausdruckswillen.

In der heutigen Zeit gibt es Formen des persönlichen Ausdrucks, die gesellschaftlich gemeinhin akzeptiert sind und allenthalben auch gesellschaftlich gefördert werden. Das Schreiben ist als Grundwert immer noch erhalten geblieben, auch wenn über die Qualität im Hinblick auf einen künstlerischen Ausdruck, ja auch nur einen persönlichen Ausdruck, wohl zu diskutieren wäre. Danach ist Sport vermutlich das Metier, in dem die meisten Menschen sich wiederfinden, um ihrer Persönlichkeit Ausdruck zu verleihen, interessant dabei ist, daß für Berufssportler dann ähnliche Parameter in Ausbildung und Berufsleben gelten wie für Musiker. Die modernen Medien haben auch andere Formen des persönlichen Ausdrucks möglich gemacht: Man kann sich in Bildern öffentlich präsentieren, allerdings ist kein oder nur ein geringer, vorausgehender kreativer Prozess nötig und auch meist kaum vorhanden.

Photos oder Videos werden auf Profile in sozialen Netzwerken gesetzt, und schon bekommt die Außenwelt vermeintlich einen Eindruck von der Persönlichkeit:
Der Wunsch nach Mitteilung, nach Präsentation ist groß. Die meisten verlangen kaum ein oder nur ein kleines Maß an technischem Können, Kreativität und Struktur, und doch verschaffen sie schnell den Eindruck, seine eigene Bühne zu haben und sein eigenes Publikum gewinnen zu können. In Wahrheit geht die Botschaft in der Masse in Beliebigkeit unter.

Es ist ein Trugschluß, daß Mut zur Selbstdarstellung schon ausreicht, um eine künstlerische Karriere zu beginnen, und dutzende Casting-Shows im Fernsehen zeugen von dieser irrigen Annahme. Nachhaltige Künstlerkarrieren sind aus ihnen nicht erwachsen. Den persönlichen, musikalischen Ausdruckswillen zur Bühnenreife zu führen, stellt insbesondere im Fach Gesang weit umfassendere Anforderungen, als sie in diesen Shows gefragt sind.

Wenn ein junger Mensch die Entscheidung fällt, sich musikalisch ausdrücken zu wollen, sind die Möglichkeiten zu Beginn noch vielfältig: Es gibt verschiedenste Musikstile, Instrumente, die Möglichkeit sich in ein Orchester oder Ensemble einzubinden oder gar einen solistischen Weg zu gehen. Grundlegend für eine erfüllende Karriere im Berufsleben ist aber der unbedingte Drang, der Wille – nicht nur die Idee oder der Wunsch – sich in dieser Kunstform auszudrücken, ohne „inneres Feuer“ ist der Weg zum Scheitern verurteilt.

Der Gesang, als menschlich ureigenstes Instrument und einzigartig in seiner Möglichkeit, Musik und Sprache in einer Form zusammenzufassen, ist wohl die persönlichste Form, sich darzustellen. Zählt man noch die körperlich-darstellerischen Fähigkeiten hinzu, die einem Sänger auf der Musiktheaterbühne abverlangt werden, so kann dieser Beruf wohl als einer der am vielfältigsten fordernden bezeichnet werden, die auf dem Arbeitsmarkt zu finden sind.

Ist man von Natur aus mit einem Material in der Kehle bedacht worden, das eine Einzigartigkeit vorweist, und hat man das Glück, dass diese Qualität rechtzeitig entdeckt und gefördert wird, so sind die Grundzüge für eine Ausbildung zum Sänger mit Chancen auf eine Berufsausübung vorhanden.

Der Weg in die Professionalität aber ist steinig, und er wird in der heutigen Zeit immer steiniger, wenn er in die „Kundenwelt“ führt:
Die Agenturen, die Intendanten, das Publikum, die Dirigenten, sie alle gehören zu den Kunden, die dem Sänger seine Qualitäten später „abkaufen“ müssen, und mit diesem Begriff sei ausdrücklich der wirtschaftliche Aspekt wie auch der Aspekt der Glaubhaftigkeit der Darstellung gemeint.

Beginnen wir mit der Ausbildung: Neben der unerläßlichen, zeitaufwendigen Pflege und Fortentwicklung des Instruments, der Stimme, gehören Gehörbildung, Musikgeschichte und Tonsatz zu den elementaren Fächern, um ein Fundament in der Arbeit im Berufsleben zu haben. Die Beherrschung verschiedener Sprachen wird allenthalben vorausgesetzt, ebenso ist körperlicher Einsatz für die Bühne unerläßlich: Atemtechnik und Kondition (wer nicht gut und lange stehen kann, wird es schwer haben), Fechtunterricht und Bühnentanz, aber auch allgemeine „Fitness“ gehören zu den grundlegenden Bedingungen, um sich in der modernen Musiktheaterwelt etablieren zu können. Eine gute literarische Bildung und Allgemeinbildung ist erwünscht, sie erleichtert das Rollenverständnis im Musiktheater und ist für die Findung eines eigenen Interpretationsansatzes in jedem Fach notwendig. Die gründliche Ausbildung in den o.g. Fächern entscheidet, ob man es an die Spitze schafft oder nicht.

Ist Ausdruckswille und Mitteilungswille dem angehenden Sänger ein inneres Bedürfnis, so wird sich – und die Karrieren der „großen“ Sänger zeigen dies eindrücklich – ein Ehrgeiz zur Erreichung der höchstmöglichen Kunstfertigkeit von selbst einstellen und auf die Energie auf dem Weg dahin auch nicht schwinden: Durchhaltevermögen und eine hohe Frustrationstoleranz sind ebenso entscheidend für ein erfüllendes Sängerleben, die innere Einstellung liefert hierfür die Kraft.

Es ist die Unbedingtheit des Ausdruckswillens verbunden mit einer souveränen, persönlichen, technisch versierten Fähigkeit zur sängerischen Darstellung - mit Glück noch mit einem unverwechselbaren Timbre gepaart – die das einzige Blatt bilden, das im Kartenspiel der Sängerkarrieren Trumpf ist, wenn es daran geht, in der Kundenwelt bestehen zu wollen.

Die Erlangung der „orphischen“ Fähigkeiten ist keine Göttergabe wie im antiken Mythos. Es bedarf einer exzellenten Ausbildung und einer gefestigten Künstlerpersönlichkeit, um in höheren Regionen des internationalen Musikgeschäfts gehört zu werden, denn es sind nicht mehr die Götter des Olymp oder die Kreaturen des Hades, die man mit seinem Gesang zu entzücken hat und die über das Sängerschicksal entscheiden: es gilt, ganz und gar irdische Manager und Agenten für sich zu begeistern, bevor man eine Chance bekommt, sich jenen Menschen – den geneigten Konzerthörern –, die man zu erreichen wünscht, vorstellen zu können.

In diesem Prozess zeigt es sich, ob die Künstlerpersönlichkeit so stark ausgeprägt ist, daß sie nicht auf der Strecke bleibt. Der heutige Musikmarkt neigt mehr und mehr zum „typecasting“, und tatsächlich kann beinahe jede Rolle, jede Partie mit einem Idealsänger besetzt werden, oft dauert die Suche danach nicht einmal lange: Sängerinnen und Sänger gibt es in weit höherer Anzahl als es Stellen gibt, selbst an kleinen Theatern sind Vorsingen auch für mittlere Partien keine Seltenheit mehr, und die Liste der Kandidaten, die sich vorstellen wollen, ist überall lang. Bestand bei Intendanten der „alten Schule“ die Tendenz, eher außergewöhnliche Talente ins Ensemble zu nehmen, um sie dann entsprechend zu fördern – die künstlerische Entwicklung endet ja nicht mit Eintritt ins Berufsleben – und ggf. sogar den Spielplan auf die Einzigartigkeit des Sängerensembles abzustimmen, so zählt heute auf dem Theater die möglichst typgerechte Besetzung der Rolle für eine spezifische Produktion (und meist hat die optische Eignung hier Vorrang vor der musikalischen).

Die Ensembles an den Theatern sind meist aufgelöst, einigermaßen langfristig oder auch nur mittelfristig gesicherte Stellen für Sänger gibt es nur noch wenige, Mobilitiät und Flexibilität werden erwartet.

Im Konzertbereich verhält es sich anders, hier wird jeder Veranstalter den bestmöglichen Sänger und Musiker engagieren, den er für die entsprechende Partie bekommen kann, doch die freien Stellen im Konzertwesen werden immer rarer, das Verschwinden des Berufsbildes „Konzertsänger“, mit dem früher ein Unterhalt durchaus zu erlangen war, kann heute als Abschluß für eine Ausbildung eigentlich nicht mehr seriös angesteuert werden, wenn eine Berufsausübung mit realistischer Chance zum Bestreiten des Lebensunterhalts das Ziel ist.

Hier nun trifft die Sphäre des Künstlers auf die Kundenwelt: Die Künstlerpersönlichkeit begegnet den Anforderungen des Marktes, der individuelle Ausdruckswille muß sich flexibel zeigen, um auf dem Markt angenommen zu werden. Es besteht die Gefahr, daß der Künstler – und sei es auch „nur“ aus schlicht wirtschaftlichen Erwägungen, sich anbiedert, sich „verbiegt“. Dies führt kurzfristig möglicherweise zu Engagements, längerfristig allerdings zum Verlust der künstlerischen Identität, die wiederum unbedingt notwendig ist, um sich gegen die starke Konkurrenz auf dem Markt zu behaupten.
Ein authentisches Auftreten vor Agenturen, Konzertveranstaltern, Intendanten etc. ist für eine nachhaltige Karriere - und dies bezieht ausdrücklich auch das ganz persönliche Glück in der Ausübung des Sängerberufes mit ein - wegweisend. Es gilt also, zunächst die Kunden vom eigenen Können und der eigenen Persönlichkeit zu überzeugen, um dann vermittelt zu werden und die Möglichkeit eröffnet zu bekommen, sich den eigentlichen Kunden, dem Publikum, in geeigneten Formaten vorzustellen.

Ist es gelungen, eine beachtete und respektable Position im Musikleben erlangt zu haben, so ist man dort angelangt, wohin es einen ganz zu Anfang drängte: Man steht vor einem Publikum, kann und darf dieses begeistern, rühren, nachdenklich stimmen usw., man kann und darf sich als Künstler mitteilen. Ein persönliches Wunschkonzert wird es dennoch nicht werden, zu viele Faktoren spielen eine Rolle für das individuelle Erfolgserlebnis: Die Zusammenarbeit mit den anderen Musikern, vornehmlich mit dem Dirigenten, der dem Interpreten viele Vorgaben in der Interpretation abverlangen wird aber auch die Erfüllung der Ansprüche, die Regie, Bühnenbild und Kostüm mitbringen wenn es um eine Musiktheaterproduktion geht. Es sei hier ausdrücklich von Musiktheater gesprochen, denn längst ist es üblich, daß Sänger nach Eignung nicht allein in Oper und vielleicht noch Operette eingesetzt werden, sondern Musical, Kinderoper, sogenannte „Performances“ oder „Klang-Installationen“ u.v.m. ebenso bedienen müssen.

Hier ist die bereits erwähnte Flexibilität noch einmal gefragt, ein Sich-Einstellen auf andere Sichtweisen, ein Sich-Einfügen in Konzepte, die einem selbst fremd sind. Von diesen Erfahrungen kann der Künstler profitieren, wenn er seine eigene künstlerische Haltung nicht aufgibt. An Künstlerkarrieren, die lange währten und sich stabil entwickelten, ist nachzuvollziehen, daß in der Auseinandersetzung mit (auch unliebsamen) Produktionen und künstlerischen Konstellationen eine Reifung stattfand, die in der späteren Phase der Karriere zu einer Fokussierung und Verfeinerung der künstlerischen Tätigkeit führte. Gefestigte Künstlerpersönlichkeiten werden diese Aufgaben als Herausforderung begreifen.

Eine Karriere, die so verläuft, bringt für den Künstler den Vorzug, sich im Laufe der Jahre dahin zu entwickeln, daß Auftritte auswählbar nur noch an Orten, mit künstlerischen Partnern und vor Publikum stattfinden, wo, bei denen und bei dem man sich als Künstler aufgehoben und getragen fühlt. Ein Luxus, der allerdings im Schwinden begriffen ist und auch in der langen Geschichte öffentlichen Musiklebens nicht vielen Sängern vergönnt war. Bis es vielleicht dazu kommt, daß man diese höheren Weihen erreicht hat, dem Orpheus gleich in „Olymp des Musikgeschäfts“ aufgenommen zu werden, ist es notwendig, sich mit allen Höhen und Tiefen des Sängerberufs im Alltag auseinanderzusetzen, angefangen bei unfreundlichen Publikumsreaktionen, die enorm kränkend sein können, über persönliche Minderleistungen, die manchmal in Vorstellungen einfach nicht zu vermeiden sind, so sehr man sich auch engagiert, bis hin zur Härte der Probenphasen, die u.a. zu einem Großteil daraus besteht, was man in der Ausbildung nicht lernt: das lange Warten auf den Probebühnen und in den Kantinen, bis der eigene Einsatz gefragt ist und ein Leben auf Koffern in Hotelzimmern.

Das Abtauchen in die Unterwelt des Musikgeschäfts mit seinen Furien bleibt auch einem heutigen Orpheus nicht erspart, und jeder, der einen „Apoll“ an seiner Seite hat, wird sich glücklich schätzen: Ein gutes Management ist im globalisierten Musikmarkt unerlässlich, ein kluger Intendant oder Orchesterleiter, der den Aufbau einer Stimme fördert und Qualität immer wieder einfordert und natürlich Lehrer, die den Sänger beim Ausbau des Repertoires, aber auch bei der immerwährend nötigen Stimmpflege begleiten, heben einen aus den Tiefen des Alltagsgeschäfts.

Erst an spätem Punkt einer Karriere wird sich dann ungehindert das entfalten können, was anfangs als Unbedingtheit des künstlerischen Ausdruckswillens bezeichnet wurde: Ein Ringen um die Wahrheit, die keine allgemeingültige, sondern eine sehr individuell empfundene und geprägte ist, die die Darstellung des Künstlers einmalig und unverwechselbar macht. Es ist der apollinische Moment, in dem der Künstler dem Dionysischen eine Form gibt und das Publikum daran teilhaben lassen läßt. Diese Momente, die in ihrer Unerklärbarkeit am Göttlichen rühren – und hier schließt sich der Kreis zum mythischen Sänger Orpheus - bedürfen der Unbedingtheit des Ausdruckswillens des Künstlers: nur wenn dieses Feuer unverlöschlich brennt, ist „Wahrheit“ zu erreichen – für den Künstler selbst wie für sein Publikum.

Copyright: Ingo Jander