Opernbetrieb heute ohne die ausreichenden Persönlichkeiten

Der Berliner Musikjournalist Geerd Heinsen zu einem Zeitphänomen

Wenn ich an Oper denke, fallen mir die vielen, vielen Abende ein, die ich in meinem „Heimathaus“, der Deutschen Oper Berlin, verbracht habe. Aber auch die vielen, in denen ich mich frenetisch heiser schrie in anderen Institutionen wie der Met, der Salle Garnier von Paris, Covent Garden, dem Dorothy Chandler Pavillon in Los Angeles, dem Fenice in Venedig, auch dem King´s Theatre von Edinburgh …

Ich will hier nicht prahlen, aber die Erinnerung an diese Häuser ist auch eine Erinnerung – und ganz in erster Linie – an die Mitwirkenden, an die Stars und an die vielen persönlichkeitsstarken, unverwechselbaren kleineren Sänger, ohne die diese Abende nicht so in mein Gehirn eingebrannt wären.

Was also ist es, das ich erinnere? Eben Namen, an die sich Eindrücke, unvergessliche, knüpfen. Kann man eine Callas vergessen (und ich hab sie noch neben meinem Vater als kleiner Junge erlebt), Franco Corelli, Renata Scotto, den jungen Domingo, den jungen Alagna…. Viele, wirklich viele.

Aber abgesehen davon, dass jeder anders hört und Hören eine physiologische und sehr individuelle Sache ist, hat das Hören nur einen Teil an der Erinnerung. Was ich erinnere sind die Gesamtwirkungen, die Präsenz, der Auftritt, das Spiel. Mit einem Wort: die Identifikation mit der Partie. Und das gilt für eine Inge Borkh ebenso wie Ursula Schröder-Feinen, Liane Synek oder Thomas Allen, Kathleen Kuhlmann, Galina Savova, Barry McDaniel …

Denn es sind nicht nur die Stars, die mir heute fehlen (wo ist da eine große Stimme, die einer Callas, Tebaldi oder Scotto das Wasser reichen könnte?), es sind die Persönlichkeiten. Stelle ich heute das Radio an und höre eine gutgebaute, leistungsfähige Stimme in einer Oper, dann hab ich die Wahl zwischen Anna Netrebko und einer ganzen Heerschar von beliebigen, gutausgebildeten russischen/koreanischen/amerikanischen (aber bezeichnender Weise kaum europäischen) Stimmen, die sicher unendlich tüchtig sind, fleißig und: nichtssagend.

Seitdem sich die Netrebko für ihre dramatischen Partien so dunkel gesungen hat, ist ihr Wiedererkennungswert etwas einfacher, aber ein spezifisches Timbre, eine nur ihr eigene Eigenart kann ich da nicht entdecken. Auch nicht bei der Urmana, Voigt, Fleming, Poplavska und vielen, vielen anderen, von den Herrn ganz zu schweigen. Ordentlich, tüchtig und solide (manchmal) ja, aber nicht individuell, einzigartig, unverwechselbar (bis auf gruselige Ausnahmen, die ihr nicht erwähne, weil ich keinen Rechtsstreit möchte…).

Der Abbau des Eigenen ist ein Teil unseres Konsumbetriebes, der Ausbildung, der Schnelligkeit von Karrieren. Stromlinienförmig, vielseitig einsetzbar, glatt, unindividuell – das wird gefragt. 

Wenn man die Lebensläufe von älteren, persönlichkeitsstarken Sängern liest, staunt man zwar über die Debutrollen manchmal, aber man sieht einen roten Faden der eigenen Entwicklung. Wenn man mit ihnen spricht – wie ich vor ihrem Tod mit der großen und wunderbaren Anita Cerquetti – dann waren die Worte „Rolleneignung“, „Fleiß“, „Vokalisen“, „Studium“, „Rezitative“ und andere im Mittelpunkt unseres Gespräches.

„Meine Stimme ist kein Fahrstuhl“, hat die Callas mal gesagt und wollte nicht Tosca und Norma durcheinander singen. Wie Recht sie hat. Bis heute. Der Opernbetrieb ist ein Moloch. Alle arbeiten ihm zu und wollen daran verdienen.  Die Agenturen, die Häuser, die Lehrer. Auf der Strecke bleibt der sensible Künstler.

Und das fängt schon in der Ausbildung an. Die Hochschulen behalten die Schüler oft zu lange, oft auch sind die Unterrichtenden selber in ihren Gesangskarrieren gescheitert und verstehen zu wenig vom physiologischen Vorgang des Singens, von der Eignung für bestimmte Partien, vom Fach, von der Konstitution. In vielen Gesangswettbewerben habe ich festgestellt, dass Ungeeignetes vorgetragen wird, fast immer zu groß. Werther statt Nemorino, „Tannhäuser“-Elisabeth statt „Figaro“-Contessa, und fast nie die Operette, die früher das Fundament guten Gesangs war, zumindest im deutschen Repertoire. Es sind auch die Lehrer, die zum Falschen raten, pardon, und manche Auseinandersetzung mit denen hat mir einen Namen des Überkritikers eingebracht.

Es sind auch die Agenturen, viele jedenfalls, die den Sängern keine Unterstützung bieten, die nur Geld durch zum Teil skrupellose Überbeschäftigung verdienen, die nur zu selten in ihre jungen Sänger investieren, sie beraten, abraten, zu neuen Lehrern schicken, auf frühzeitig erkennbare Macken aufmerksam machen. Die großen Agenturen sind meistens Amerika-hörig und sind eher Arbeitsämter als jene Freunde, die sich kümmern, zuhören, mal eine Suppe kochen und eben Betreuung im menschlichen Bereich bieten. Ich bin mit einer solchen Agentur befreundet und sehe immer wieder mit Staunen, wieviel Zeit sich die Besitzer nehmen, was sie sich alles antun, um ihre „Kinder“ zu fördern und zu schieben. Der Erfolg ihrer Künstler gibt ihnen Recht. Das ist eher die Ausnahme. Zu viele Sänger sind auf sich gestellt, haben oft zu früh den falschen Partner erwischt und sitzen in der Falle.

Noch hat das deutschsprachige Gebiet die Stadttheater-Ensembles, das immer so gelobt wird, und das seine Berechtigung hat. Aber manches Vorsingen an der Theatern hat mir gezeigt, dass nach sehr zweifelhaften Kriterien gesucht wird – am besten eine Zerbinetta, die auch die Ariadne im Notfall übernehmen kann, und Auswahl immer mit den Augen! Und da viele Coaches Amerikaner sind, leidet die Diktion der nachfolgenden Rollen. Es kann doch nicht sein, dass ich bei einer deutschen Oper auf die Übertitel starren muss.

Denn Sprache und Musik gehen unauflöslich Hand in Hand. Und dieser Aspekt wird mehr und mehr vernachlässigt. Die Wirkung einer Partie, einer Zeile liegt ja in der in Gesang umgesetzte Sprache, in der Mitteilung, die mich erreichen soll.  Fast das Beste an der Norma der Callas sind ihre Rezitative. Alle großen und auch die kleinen Sänger der Vergangenheit wussten um die Geheimnisse der klingenden Konsonanten, um die Diktion zur Beförderung der Wirkung. Das vermisse ich heute außerordentlich. Und auch das mindert die sängerische Persönlichkeit.

Und natürlich steht das heutige Regietheater der Entwicklung einer eigenen Sängerpersönlichkeit im Wege. Persönlichkeitsstarke Sänger haben es heute schwer und können sich kaum durchsetzen, selbst die berühmten nicht (außer eine wirklich große wie Cecilia Bartoli, die sich auf ihr eigenes Ding zurückgezogen hat und dort unangreifbar ist). Mupft jemand auf, gilt er als schwierig und wird auf dem freien Markt weniger engagiert – am Stadttheater ist das ja noch viel schlimmer. Da bleibt wenig Raum für Widerstand.

Nur die wirklich Berühmten können sich eine Absage im Vorfeld leisten, wenn sie wissen, was auf sie zukommt (Anja Harteros sang ihre „Trovatore“-Leonora angesichts der ziemlich problematischen Neuenfels-Produktion in Berlin schon gleich lieber konzertant). Und die wenigen weltweit Berühmten (und ich vermeide das Wort Star bewusst) können sich ihre Produktionen meistens aussuchen oder sind opportunistisch genug, Abscheulichkeiten mitzumachen.

Im Zeitalter des Konsums kann ich mir inzwischen den alternden Domingo für genug Geld nach Hause zum Singen holen. Es ist diese weltweite, TV-gestützte Verfügbarkeit, die am olympischen Status der Stars gesägt hat. Die Welitsch sagte mir mal: „Ohne Nerz wären Sie früher am Pförtner der Met nicht vorbeigekommen!“ Heute geben sich berühmte Sänger demokratisch, schreiben in Facebook und sind nichts Besonderes mehr. Es umgibt sie kein Geheimnis mehr, sie sind nicht weit entfernt von uns und verbreiten keine Magie mehr. Heute ist Singen ein Beruf wie viele andere, mehr oder weniger solide, eben eine spezialisierte Beschäftigung wie Zahnarzt. Aber das bedeutet, dass der Glamour fort ist, eben die Magie, das Geheimnis, die Faszination. Heute ist es das Geld, zu oft das schnelle Geld, das ein wesentlicher Bestandteil einer Karriere ist, an der zu viele mitverdienen.

Und „Dienen“, dem Komponisten und der Kunst, tun nur wenige. Ich erinnere mich an die von mir so geliebte Ursula Schröder-Feinen, eine der ganz Großen in meinem musikalischen Leben, die mir sagte: „Es ist nicht das Geld, es ist dieses sich Auflösen in der Rolle, in der Persönlichkeit auf der Bühne.“ Wer dient heute noch der Musik, der Kunst, dem Komponisten? Das ist ein zutiefst unmodischer Approach für einen jungen Künstler, der froh ist, nach einigen und zu vielen Muggen in zugigen Kirchen eine Festanstellung in einem Provinztheater zu erhalten. Wer das überlebt, hat eine Kehle aus Eisen und kann an eine größere Karriere denken. Und auch danach wird´s nicht unbedingt netter oder erfolgreicher, nur wenige kommen nach ganz oben und bleiben dort. Die heutigen Karrieren werden zudem immer kürzer.

Aber ich möchte junge Sänger ermutigen, etwas Eigenes zu entwickeln, nicht auf die Platten zu hören, nicht die Callas vor einem „Rigoletto“. Etwas Eigenes wie Dorothea Röschmann oder Julian Prégardien, deren Stimmen für mich hochindividuell sind, unverwechselbar, jederzeit wieder erkennbar. Eben nicht austauschbar wie viele der heute als „Stars“ gehandelten Sänger, die als Agenturware durch die im Fernsehen übertragenen Vorstellungen geschoben werden.

Geerd Heinsen