Schlüsselkompetenzen für Gesangskarrieren

Von Thomas Herwald

1 Was ist denn Karriere?

„Was ist denn Musik?“ fragt sich die Sängerin des jungen Komponisten im Vorspiel zur Oper ARIADNE AUF NAXOS von Richard Strauss, um sich kurz danach die Frage selbst jubelnd zu beantworten: „Musik ist ein heilige Kunst, zu versammeln alle Arten von Mut, wie Cherubim um einen strahlenden Thron und darum ist sie die heilige unter den Künsten! Die heilige Musik!“ Kein geringerer als der große Hugo von Hofmannsthal schrieb das Libretto zur ARIADNE AUF NAXOS und hat so innerhalb eines komplexen und vielschichtigen Dialogstückes eine ziemlich präzise Schlüsselkompetenz großer Musiker erfasst und thematisiert.

Mut als Grundlage eines Berufes? Meistens meint man doch, ein Sänger braucht Stimme, Stimme und nochmals Stimme und dann kommt der Rest in Form von internationalen Auftritten und der Ruhm von ganz allein. Aber so einfach, wie sich diese fast allgemeingültige Volksweisheit denkt, ist es sicherlich nicht. Auch nicht mit dem jetzt vielleicht naheliegenden Schluss, mit Chupze, einer forschen Variante des Mutes, ließe sich eine Karriere aufbauen.

Bevor wir über die diversen Schlüsselkompetenzen nachdenken, sollte man kurz die Frage nach der Art der Karriere stellen, die Opernsänger und Opernsängerinnen machen können. Also: Was ist denn Karriere? Wie definiert sich der Begriff „Karriere“ überhaupt? Im weitesten Sinne ist die Karriere die Summe der beruflichen Leistungen, die ein Mensch erbracht hat und für die er von der Umwelt Respekt erhält. Im ganz Individuellen heißt das aber konkret: jeder Mensch legt für sich selber fest – bewusst oder unbewusst – was er wie erreichen will. Ob er schließlich damit zufrieden ist oder nicht, steht hier nicht zur Debatte und es sollte Psychologen und Soziologen vorbehalten sein, sich wissenschaftlich zu diesem Phänomen zu äußern. Schließlich sind viele sehr erfolgreiche Künstler interessanterweise meistens nicht zufrieden mit sich und ihrer Karriere und hadern trotz großer Leistung und entsprechender Anerkennung mit sich und ihrer Umwelt.

Merkmal der wichtigsten Form der Karriere können internationale, regelmäßige Verpflichtungen an den führenden Bühnen und Musikzentren sein, die hauptsächlich für die Interpreten der großen Partien im ersten Fach relevant sind. Sobald eine neue ISOLDE, AIDA oder PAMINA erkennbar wird, beginnt die internationale Nachfrage nach dieser Sängerin oder nach dem neuen TRISTAN oder TAMINO. Ein Gastspiel löst das andere ab und wenn es gut geht, entsteht eine dauerhafte, will sagen eine ein oder zwei Jahrzehnte währende Tätigkeit auf europäischen und amerikanischen Bühnen.

Dieser weitverzweigten, Länder und Kontinente übergreifenden Tätigkeit steht die Karriere entgehen, die z.B. die Vertreter der flankierenden Fächer wie Spieltenöre und auch Spielaltistinnen, die den Protagonisten zur Seite stehen und aus der zweiten Reihe heraus die Vorstellung mittragen. Erst ein Ensemble von Mehreren macht die individuelle Leistung des Einzelnen möglich und die Länge einer Partie entscheidet nicht über deren Wichtigkeit. Ein Spieltenor, der beispielsweise über ein oder zwei Jahrzehnte an einem wichtigen Opernhaus die großen Partien seines Repertoires mit vielen Premieren gesungen hat, kann für sich auch ohne regelmäßige internationale Verpflichtungen in Anspruch nehmen, das Maximale aus seinem stimmlichen Potenzial „herausgeholt“ und damit eine ernstzunehmende Karriere gemacht zu haben. Musterbeispiel eines Vertreters dieser „comprimario“ Partien ist die auf unzähligen Gesamtaufnahmen dokumentierte Karriere eines Piero di Palma, der in den 1950er und 60er Jahren in flankierenden Rollen von der internationalen Plattenindustrie neben den großen Stars eingesetzt wurde.

Es kann als ein weiteres Beispiel für eine Karriere auch die von Sängerinnen und Sängern herangezogen werden, die aus eigener Erkenntnis und Entscheidung vielleicht auf mögliche große Partien verzichten, um in kleineren Partien neben berühmten Kollegen in den Hauptpartien auf der Bühne zu stehen, um etwas „geruhsamer“ ihre Gage zu verdienen. Oder: eine Sopranistin, perfekt eingesetzt im zweiten Fach für mittelgroße, flankierende Partien an einer Weltbühne kann durchaus durch den Wechsel an ein kleineres oder mittelgroßes Haus dort Hauptpartien übernehmen, die ihr an dem größeren Haus durch eine internationale Besetzungspolitik mit Gastsängerinnen für die großen Partien nicht übertragen worden wären. Wenn sie dann an diesem kleineren Opernhaus selber ein größeres Fach dauerhaft singen kann und den dort nicht ganz so zwingenden Anforderungen gerecht wird, ist die Entscheidung sicherlich legitim und definiert somit eine ganz andere Art der Karriere. Entscheidend ist, ob jemand mit diesen Aufgaben zufrieden ist.

Noch wesentlicher sei hier einmal festgestellt, dass ernstzunehmende Karrieren nicht über die Häufigkeit der Nennung des jeweiligen Namens in der Presse definiert werden. Es ließen sich noch weitere Beispiele für sehr unterschiedlich strukturierte, individuelle Karriereverläufe aufzeigen, die nicht nach einem Standardmuster aufgebaut sind, aber dennoch als sehr ernstzunehmende Berufslaufbahnen und damit mit Recht als „Karrieren“ zu bezeichnen sind.

2 Glück, Disziplin und Fleiß

Aus der langjährigen Beobachtung von Opernsängerinnen und Opernsängern auf der Bühne, im normalen professionellen Leben und auch im Alltag erscheint die klischeehafte Forderung nach: Stimme! Stimme! Stimme! als DER notwendigen Grundlage für eine Gesangkarriere auf der Opernbühne als naheliegend. Dies ist aber allein überhaupt nicht ausreichend oder die gar seligmachende Voraussetzung. Sicherlich, ohne eine positive genetische Veranlagung für eine entwicklungsfähige Stimme wird es kaum möglich sein, dieses menschliche Instrument so zu trainieren, dass es im Durchschnitt über eine relative kurze Zeitspanne von vielleicht 20, in den allerseltensten Fällen vielleicht 25 Jahren zum Broterwerb dienen kann. Es liegt natürlich auf der Hand, dass interessant timbrierte, in allen Lagen obertonreiche und üppige Stimmen eher Karriere machen bei sonst exaktgleicher Restbegabung im Verhältnis zu einer nicht so „schönen“ Stimme. Die Stimme als solche soll hier aber nicht im Vordergrund stehen, sondern vielmehr die ergänzenden Kompetenzen, die ausschließlich in der Charakterdisposition zu finden sind. Alle Merkmale dieses Psychogramms einer erfolgreichen Bühnenpersönlichkeit sind beschreibend und nicht qualitativ wertend aufgezeigt.

Was zeichnet denn nun erfolgreiche Opernsänger, die lange erfolgreich Karriere gemacht haben, aus und was unterscheidet sie von den weniger erfolgreichen?

Diese Frage mal eben zu beantworten, fällt nicht leicht und wird schwieriger, je länger man sich mit dieser Materie beschäftigt. Selbst das Wort: Materie ist schon eine unzulängliche, wenn nicht gar irreführende Bezeichnung, denn stofflich oder greifbar ist in diesem Themenkomplex gar nichts. Wie sollte es auch, sind doch stimmliche und musikalische Eindrücke nicht messbar, nicht quantitativ bewertbar oder nach DIN oder RAL Kategorien sortierbar und präzise zu definieren. Und genau die Summe dieser musikalischen Eindrücke und Empfindungen, die ein Künstler auf Dauer in Qualität re-produzieren und abrufbar wiederholen können muss, macht die Bedeutung einer künstlerischen Karriere aus.

Eine Antwort, die in diesem Zusammenhang von Karriere und Erfolg schnell auftaucht, wird sofort verworfen: Glück gehabt! Glück als Ursache von Erfolg ist genauso wie der berühmte Zufall, den es nicht gibt und der nie die entscheidende Grundlage von Erfolg ist, eben kein ausschlaggebender Faktor einer Karriere. Kunst kommt immer noch von Können, nicht von Wollen, denn sonst hieße sie „Wunst“, sagte schon Karl Valentin und liefert uns damit die zweite Konstante in einer Debatte, die im Raume schwebt, ohne je richtig geführt worden zu sein, denn dieses ausschließlich reine Wollen sowie Glück und Zufall bilden keine tragfähigen Fundamente für eine Karriere.

Aber: was bleibt denn dann, wenn Glück und Zufall ausscheiden, und nur das reine Wollen auch nicht reicht? Die Beziehungen einer durchsetzungsfähigen Agentur vielleicht? Wahrscheinlich nicht nur, denn Agenturen können Talente und Begabungen verstärken und fokussieren helfen, aber zwischen 19.00 und 23.00 Uhr hört jede Art der Protektion auf. Selbstverständlich nutzen Agenturen ihre Fachkompetenz, ein internationales Netzwerk und können Wege zu Entscheidungsträgern ebnen und Kontakte knüpfen. Auch hilft eine breite Repertoirekenntnis eines Agenten dem jungen Nachwuchssänger bei der geschickten Partieauswahl. Aber:

Gesangslehrer, Intendanten, Dirigenten und Agenten können unterstützend wirken, letztlich ist aber jeder Künstler auf der Bühne allein den Anforderungen des Publikums und dem Orchesterapparat gegenübergestellt und von der Partie gefordert, die es zu bewältigen und im besten Falle zu interpretieren gilt.

Nach dieser eher negativen Selektion von Faktoren, die eine Karriere beeinflussen können, wenden wir uns anderen wichtigen Kompetenzen und Begabungen zu, über die eine erfolgreiche Opernsängerin oder ein erfolgreicher Opernsänger verfügen sollte. Sind wesentliche Begabungen – oder in ihrer entwickelten Form:

Kompetenz genannt – überhaupt nicht in der individuellen Persönlichkeitsstruktur vorhanden, wie zum Beispiel die Disziplin, werden selbst die größten stimmlichen Ausnahmeerscheinungen kaum in der Lage sein, nachhaltig Karriere zu machen. Gerade durch die Disziplin können stimmlich auch weniger klangschön begabte Menschen nachhaltige Karriere manchen. Um sich auch im internationalen Fach durchzusetzen, muss man täglich immer und immer wieder auch bei Rückschlägen oder Misserfolg sich den Anforderungen stellen und nicht aus Bequemlichkeit oder anderen Motiven „wegducken“ und sich mit diesem Durchhaltevermögen gegen „schönere Stimmen“ durchsetzen, deren Besitzer zu lässig oder schlichtweg faul sind.

Hocherfolgreiche Topprofis disziplinieren und konditionieren sich ständig selbst und widerstehen einer Außenwelt, die mitunter nicht am Erfolg des einzelnen orientiert ist, sondern eher an seinem Misserfolg. In diesem Zusammenhang sei der Hinweis auf das verbreitete Phänomen gestattet, dass unsere Gesellschaft und die Medien oft Einzelne erst in ungeahnte Karrierehöhen katapultiert, um sie dann nach einer kurzen Phase des Höhenflugs genauso schnell wieder abzuschießen. Neid, Skepsis, eine übersteigerte Erwartungshaltung und Missgunst können einen enormen negativen Einfluss ausüben. Zartbesaitete Naturen haben hier kaum eine Chance, immer und immer wieder Höchstleistungen zu bringen! Weitergehend kann man auch beobachten, dass Kollektive überdurchschnittlich begabte Menschen sich nicht herausragend entwickeln lassen und sie auf das Maß zurückdrücken, auf welches dieses Umfeld sie haben will. Der gesellschaftliche Gegendruck Hochstleistungsträgern gegenüber ist größer, als man gemeinhin annimmt und dieser unterschwelligen Aggression zu widerstehen, ist eine sehr seltene Begabung. Für außergewöhnlich begabte Menschen ist es mit diesem Durchsetzungsvermögen, einer soliden Ausbildung und mit einer seriösen, professionellen Hilfestellung nicht so enorm schwierig, in das obere Viertel der Leistungspyramide vorzustoßen.

Die noch größere Kunst besteht darin, auch dort zu bleiben für die nächsten Jahre oder sogar ein oder anderthalb Jahrzehnte, bis meistens der normale Abstieg durch das Nachlassen der Leistungsfähigkeit beginnt. Je höher das Niveau, desto größer ist der Leistungsdruck, die Leistungserwartung des Umfeldes und die nach(d)rückende Konkurrenz jüngerer Kollegen. Es kommen jedes Jahr immer junge, frische und damit automatisch interessantere Kollegen nach, die zudem den Reiz des Neuen mit sich bringen. Für Theaterleute in ihren 40ern heißt das konkret: mit den jungen Kollegen rückt sehr ernstzunehmende Konkurrenz nach, die nicht nur den Vorteil hat, dem Ideal der Jugendlichkeit zu entsprechen. Dieses Ideal, das von den Medien, dem Modediktat, der Werbung und dem internationalen Filmbetrieb als einzig erstrebenswerte Qualität in das allgemeine Bewusstsein hineinbetoniert wird, sondern auch in Zeiten leerer Kassen den absoluten Vorteil der niedrigeren Gagen hat! Wer noch nie hohe Gagen verdient hat, dem braucht man auch nicht die Honorare zu drücken. Hand in Hand mit der Disziplin geht der Fleiß. Die große, aber heute schon fast vergessene deutsche Sopranistin Frieda Hempel („Des Kaisers Lerche!“), ständige Partnerin von Enrico Caruso an der New Yorker MET, ein Spitzenstar mit breitem Repertoire und Kassenmagnet in den Jahrzehnten vor und nach dem Ersten Weltkrieg, beschrieb in ihren hochinteressanten Memoiren den Fleiß als DEN ausschlaggebenden Kompetenzfaktor für Sänger: „10 % Stimme, 90 % Fleiß!“

Interessanterweise stammen hochdisziplinierte und sehr ehrgeizige Menschen vielfach aus finanziell begrenzten Verhältnissen und wurden von einer eher raueren Umwelt sozialisiert. Die Maßstäbe setzenden Karrieren einer Maria Callas, Frida Leider (nach Lilli Lehmann, Frieda Hempel und Lotte Lehmann der vierte deutsche Spitzenexport an die New Yorker MET) und Birgit Nilsson wären allein auf pure Stimmschönheit nicht zu gründen gewesen. Alle stammten, wie viele, viele andere Sängerpersönlichkeiten auch, aus Arbeiter – und Bauernfamilien, also der unteren Mittelschicht oder gar aus armen Verhältnissen. Maria Callas stammte aus einer griechischen Auswandererfamilie, die in New York wirtschaftlich gescheitert war. Frida Leiders Vater war Zimmermann in Berlin, der früh verstarb und seine Frau und seine einzige Tochter mittellos hinterließ. Birgit Nilsson sagte von sich, sie hätte am Tag vor ihrer Aufnahmeprüfung am Stockholmer Konservatorium noch Unkraut im Gemüsebeet gejätet – auf dem Bauernhof ihrer Eltern in Südschweden. 

Weltkarrieren gründen alle auf überdurchschnittlichem Ehrgeiz und dem Brennen nach Anerkennung. Mitglieder der Erbengeneration sind, wenn überhaupt, nur wenige darunter. Disziplin, Fleiß, Ausdauer und Durchsetzungsvermögen gegen widrige Lebensumstände oder Konkurrenz und Ablehnung sind zweifellos wesentliche Charaktereigenschaften für erfolgreichen Menschen im allgemeinen und Opernstars im besonderen.

3 Selbsteinschätzung

Ein Hauptunterschied zu alltäglicheren Berufen ist die permanente Abhängigkeit von anderen Menschen. Die Ausbildung einer Stimme kann nie autodidaktisch erfolgen, sondern muss immer über die Anleitung, Führung und Kontrolle einer zweiten Person erfolgen. Das heißt, das rein körperliche Training, denn um nichts anderes geht es in erster Linie, das Zusammenspiel von Muskelgruppen, des gesamten Atemapparates und der einzelnen Resonanzräume, die zur Produktion von 2½, besser drei Oktaven umfassenden Gesangstimme gehört, bedarf es professioneller Schulung. Jeder Gesangsstudent braucht einen Menschen seines Vertrauens, der ihn führt und rückmeldet, was gut, und was weniger gut klingt. Diese eigentlich banale Wahrheit macht aber den Sänger besonders angreifbar, da seine Leistungen immer sowohl sachlich, als auch gefühlsmäßig bewertet und qualifiziert werden. Sie macht ihn sogar viel angreifbarer als Menschen, die in ihrer Ausbildung und Tätigkeit selber ablesen können, ob die eigene Leistung und das Ergebnis gut oder schlecht ist. Ein Mediziner sieht sofort selber am Röntgenbild, ob beispielsweise der von ihm operierte Beinbruch sauber gerichtet wurde bzw. an den Laborwerten, wie der jeweilige Status des Patienten ist. Ein Sänger kann seine eigene Leistung nur gefühlsmäßig versuchen einzuordnen. Dass der Klang einer Stimme außerhalb eines Körpers und damit außerhalb der eigenen Ohren ein ganz anderer ist als der, welchen man selbst wahrnimmt, das kann man leicht nachvollziehen, wenn jemand seine eigene Stimme zum ersten Mal auf Tonband hört!

Ein wesentlicher Aspekt im Anforderungsspektrum von Sängern ist die enorm hohe Konzentrationsfähigkeit für eine Höchstleistung, die auf den Bruchteil einer Sekunde perfekt produziert werden muss. Innerhalb des metrisch-musikalischen Flusses einer Oper oder eines Musikstücks wird eine bestimmte Note, ein bestimmter Ausdruck auf den Punkt genau verlangt. Die Möglichkeit des Wiederholens oder eines neuen Versuches gibt es im Laufe einer Vorstellung für Sänger nicht! Entweder die Leistung wird exakt und präzise hergestellt – oder eben nicht. Und diese Konzentration beschränkt sich nicht auf Spitzentöne, die das Publikum kennt und beklatscht. Viel schwieriger sind unter Umständen die Passagen davor, die quasi den Absprung vorbereiten in die Höhe oder Gesangslinien, die in heiklen Übergangslagen von verschiedenen Stimmregistern liegen und bei nur normaler Konzentration Intonationstrübungen hervorrufen können. Gerade diese unspektakulären Wahrheiten unterscheiden gravierend Sänger von Bühnenschauspielern, die viel freier mit dem Zeitmaß umgehen können und von Menschen, die nicht mit ihrem Körper als musikalischem Instrument arbeiten.

Die Stimme als Ausdrucksmittel des Menschen ist so individuell und so verschieden wie die Menschen selbst. Nur weichen Außenwahrnehmung und Eigenwahrnehmung meistens erheblich von einander ab, nicht nur in stimmlichen oder optischen Aspekten. Es gehört zwingend zur „sängerischen“ Intelligenz dazu, die richtigen Berater zu finden, die wissend und kompetent innerhalb der Ausbildungsphase und auch später im Beruf, ehrliche Rückmeldung über die aktuellen Leistungen des Künstlers geben und gemeinsam mit ihm stetig an Stimme und Leistungsfähigkeit arbeiten.

Sänger kommen sehr oft an die Grenzen der Selbsteinschätzung im Hinblick auf ihre eigenen Möglichkeiten. Meistens überschätzen sie sich in ihren Möglichkeiten. Einige leiden aber auch an chronischem Selbstzweifel. Das eigene Leistungsvermögen muss sich in stimmlicher und künstlerischer Hinsicht mit den gegebenen Anforderungen der Partien übereinstimmen lassen – Herausforderungen anzunehmen, aber Risiken zu minimieren, das ist die große Kunst. Gerade bei lang andauernden Karrieren ist es zwingend notwendig, durch eigene Intuition und durch fachkundige Hilfe, immer wieder auf neue Partien zuzugehen und sich neue Repertoire zu erschließen. Interessanterweise wechseln sehr erfolgreiche Künstler ihre Berater nur selten und vertrauen auf die Kompetenz von diesen sie überstützenden Satelliten. Was nicht heißen soll, dass in den verschiedenen Phasen einer Karriere nicht auch verschiedene Berater zu nutzen oder nützlich sein können. Gerade die geschickte Wahl von beratenden Fachleuten an der Seite der Sänger in jedem Karriereabschnitt zeichnet Weltklassesänger aus und unterscheidet sie von weniger erfolgreichen. Für diese (Weiter-)Entwicklung der Stimme und der künstlerischen Möglichkeiten, die allen wichtigen Karrieren zueigen ist, bedeutet die disziplinierte tägliche Arbeit allein und mit Gesanglehrern, Repetitoren und Dirigenten ein Muss!

4 Lebensplanung

Kontinuierliches Arbeiten, das heißt: Tag für Tag, jeden Tag der Woche und nicht mal drei Tage hintereinander viel arbeiten und dann zwei Wochen wieder gar nicht, erfordert eine sehr bewusste und konsequente Lebensplanung. Ein oder zwei Stunden täglich mag dem Leser unbedeutend vorkommen, sie sind aber zusätzlich zu Proben und Konzerten und Vorstellungen zu verstehen und verlangt der Familien von erfolgreichen Sängern ein enormes Maß an Energie ab. Der Alltag einer umgebenden Familie wird sich nach den Anforderungen des Arbeitsplans des Sängers und den sehr unregelmäßigen Arbeitszeiten (Wochenenden, Feiertage, Festspiele im Sommer während der Ferien!) richten müssen und kann große Belastungen mit sich bringen. Wer diese Belastungen, die mit der eigentlichen Arbeit im Theater nichts zu tun haben, nicht leisten und schultern will, wird gar nicht erst in die Situation kommen, eine internationale Karriere machen zu können. Erfolgreiche Sänger haben keine 38,5 Stundenwoche und müssen ihr gesamtes Leben und das der Familie (so sie überhaupt eine haben!) ihrer Lebensaufgabe unterordnen. Und das müssen Kinder und Partner erst einmal akzeptieren und mittragen!

Die Realität einer großen Karriere besteht nämlich nicht nur aus dem rauschenden Beifall nach einer anstrengenden Vorstellung, sondern hält auch Wochen und Monate der Einsamkeit und vielleicht Langeweile parat in Hotels oder möblierten Wohnungen in fremden Städten und Ländern. Gastspielreisen werden vom Publikum leicht bestaunt und immer gern mit Urlaubsreisen verwechselt. Nur wenige Sängerinnen und Sänger, die eine internationale Karriere machen und von einem Gastvertrag von vielleicht sechs bis acht Wochen Dauer zum nächsten reisen, haben die Möglichkeit, ihre Familie mitzunehmen. Selbst hohe Gagen tragen diese Kosten nicht, und außerdem wäre es gar nicht möglich, Kinder ständig aus dem Kindergarten und der Schule herauszunehmen. Und mit dieser unspektakulären Einsamkeit muss man fertig werden können. Viele der ganz großen Sängerpersönlichkeiten sind kinderlos geblieben und manche haben vielleicht ihre Lebenspartner in ihre Karriere als Reisebegleiter, Manager oder Pianist eingebunden. Eine ganz große Karriere stellt nicht nur Möglichkeiten dar, sie ist auch gleichbedeutend mit Opfern und Zugeständnissen der Familie und des Umfelds der Künstler. Hier einen ausgewogenen Weg zu finden zwischen Beruf und Privatleben ist eine schwierige zusätzliche Aufgabe. Wenn diese Aufgabe nicht gelöst wird, birgt eine hocherfolgreiche Karriere immer das Risiko, dass man nach der Karriere alleine dasteht!

5 Psyche

Die psychische Widerstandsfähigkeit ist ein nicht zu unterschätzender Begabungsfaktor. Einerseits soll ein Künstler sensitiv Musik gestalten und für den Zuschauer und Zuhörer gefühlsbetont in vielen Schattierungen erlebbar machen, auf der anderen Seite seelisch und gefühlsmäßig so stabil und belastbar sein, dass ihn Ablehnung, Kritik und ständiger Leistungsdruck nicht aus der mentalen Bahn werfen. Wie sagte die berühmte italienische Sopranistin Magda Olivero einmal: „Die schönen Dinge am Theater sind die Ausnahme!“

Zu Beginn dieses Beitrags wurde bereits als charakterliche oder erlernte Disposition der Mut bzw. eine gewisse Unerschrockenheit genannt, mit allen möglichen Tücken der Umwelt und im Theater, den musikalischen Anforderungen, den stimmlichen Problemen und wie man mit den technischen Schwierigkeiten seiner Partien geschickt umgeht. Mut auch, ob bewusst oder unbewusst, gegen den allgemeinen Strom in sängerischer oder darstellerischer Hinsicht zu schwimmen und seine Individualität nicht dem zeitgeistigen „Mainstream“ zu opfern. Mut, etwas Neues zu gestalten, gesetzte Grenzen der Tradition einzureißen oder schlichtweg nur in einem gegebenen Rahmen bezwingend schön zu musizieren. Einfache Wahrheiten, die aber selten zu erleben sind. Die Gründe für den heute vorherrschenden klanglichen Mainstream sind vielfältig und sollten dringend an anderer Stelle beleuchtet werden.

Wer erinnert sich heute noch an die Karrieren einer Zinka Milanov oder die bereits erwähnte Magda Olivero? Historische Aufnahmen werden ihrer eigentlichen künstlerischen Bedeutung kaum gerecht, da bei Zinka Milanov die Studioaufnahmen zu spät kamen und bei Magda Olivero die darstellerische Komponente (sie machte ihr Debüt als TOSCA an der New Yorker MET mit immerhin schon 65 Jahren!) bei den wenigen Piratenaufnahmen komplett wegfällt. Beide klanglich und interpretatorisch diametral gegenüberstehend im musikalischen Interpretationsspektrum eint sie aber dasselbe technische Können, grundverschieden eingesetzt in vollkommen verschiedenen stimmlichen Begabungen. Grundverschieden auch die Charaktere: raumfüllend auf der einen Seite und zurückhaltend, bescheiden auf der anderen. Diese Gegensätzlichkeit der Persönlichkeitsstrukturen im Hinblick auf die private Erscheinung und die der Bühnenwirkung ist vielfach zu beobachten. Von Kirsten Flagstad, die zusammen mit Birgit Nilsson und Frida Leider zu den bedeutendsten Wagnersängerinnen aller Zeiten gehört, wird gesagt, dass sie eine extrem ruhige und zurückhaltende Person im Privatleben war und vollkommen in sich ruhend, aber trotzdem auf der Bühne stimm- und klanggewaltig mit einer imperialen Tongebung und Maßstäbe des Wagnergesangs und einer raumgreifenden Interpretation setzte.

Im „richtigen Leben“ exaltiert auftrumpfende Menschen müssen noch lange nicht dieselbe Wirkung auf der Bühne haben! Ebenso müssen hochattraktive Menschen nicht zwangsläufig wirkungsvolle Bühnenpersönlichkeiten mit Ausstrahlung und Charisma sein. Gerade Charisma und Ausstrahlung sind im Gegensatz zur eigentlichen Stimme, zur Gesangstechnik oder dem professionellen Arbeiten nicht erlernbar, wenn sie nicht genetisch verankert sind. Man kann mit Training und zähem Ringen viel erreichen, aber gerade dieses Talent hat man, oder man hat es nicht.

6 Das Nein-Sagen Können

Positiv zu denken und trotzdem „Nein“ Sagen zu können (optimal wäre: charmant „Nein“ zu sagen!) ist eine Begabung und schwierige Kunst, die sich aus der Bündelung von Intuition, Intelligenz, Vertrauen zu kompetenten Menschen oder schlichtweg auf den gesunden Menschenverstand baut: die Fähigkeit und Kraft, „Nein“ zu sagen. „Nein“ zu angebotenen Partien, die zu früh kommen und überfordern würden; „Nein“ zu einer weiteren, vielleicht finanziell verlockenden Produktion in einem schon engen Terminkalender, oder einfach ein klares „Nein“ zu einem absurden Regieeinfall! Gerade diese klare Weltsicht mit eindeutigen Ansagen unterscheidet das karrieremäßige Mittelfeld, das nirgendwo anecken will, von Spitzenkräften. Topprofis der oberen Karriereebene betonen nicht durch Zugeständnisse ihre Schwächen, sondern entwickeln demonstrativ ihre Stärken.

Intelligenz in ihren verschiedensten Formen ist sicher hilfreich für eine Karriere. Diese Binsenweisheit muss man allerdings sofort auch wieder einschränken. Hochintelligente Menschen neigen mitunter dazu, durch ihre rasche Auffassungsgabe Schwachstellen und mögliche Fehlerquellen überall zu orten und lassen sich durch diese hochentwickelte Sensorik vom eigentlichen Fokus ablenken. Das heißt, sie konzentrieren sich auf alles gleichmäßig, aber schenken der eigentlichen Hauptaufgabe zu wenig Aufmerksamkeit. Und die Hauptaufgabe eines erfolgreichen Sängers und einer erfolgreichen Sängerin muss immer die Konzentration und Vorbereitung des nächsten Auftritts bzw. der nächsten Vorstellung sein. Alles andere muss auf der Dringlichkeitsliste weiter unten stehen. Es gilt dabei die einfache Wahrheit, dass ein Schwimmer den Wettkampf schon verloren hat, wenn er auf die Bahn neben ihm starrt und sich nicht auf sein eigenes Rennen konzentriert! Um dieses hochwirksame Phänomen zu erkennen, braucht es keine überdurchschnittliche Intelligenz oder akademische Ausbildung. Hochintelligente Menschen, die nicht gelernt haben, sich auf ihre Hauptaufgabe zu konzentrieren und zu reduzieren (und diese dann mit ihrer ganzen Energie zu er-füllen), sind mitunter weniger intelligenten Menschen in ihrer Leistungsfähigkeit unterlegen. Ein Mehr an Intelligenz, Wissen und Bildung kann daher nicht automatisch großen Erfolg garantieren. Richtig eingesetzte Intuition kann unter Umständen wesentlich hilfreicher sein.

7 Zuverlässigkeit und Realitätssinn

Auf Dauer erfolgreiche Sängerinnen und Sänger zeichnen sich weitergehend auch durch ein extrem hohes Maß an Zuverlässigkeit und Vertragstreue aus. Vermeintliche Starallüren, die vom breiten Publikum fälschlicherweise vielleicht als „typische“ Eigenschaften oder Wesensmerkmale von Primadonnen und Tenören angesehen werden, sabotieren eine Karriere mehr, als dass sie sie aufbauen! Ganz sachlich gesehen unterscheiden sich Künstler, ob freiberuflich tätig oder in einer immer zeitlich begrenzten Festanstellung, in keiner Weise von anderen Dienstleistern. Diese klare Sicht der Dinge, nämlich einen Dienst zu leisten am Werk und für das Publikum, ist allerdings noch nicht bei allen Künstlern gedanklich angekommen. Einige Sänger neigen dazu, ihre Arbeitsleistung nicht als Beruf anzusehen, sondern als künstlerische Selbstverwirklichung und unterstützen damit das falsche Bild in der Gesellschaft, das vielerorts immer noch anzutreffen ist: Was macht ein Sänger eigentlich tagsüber?

Gerade diese klare Sicht der Dinge, was möglich ist, und was nicht, was man kann, und was nicht, das zeichnet Topprofis aus. Darin unterscheiden sich Sänger überhaupt nicht von internationalen Fußballstars, Medizinern oder anderen Hochleistungsträgern. Das Musterbeispiel in persona für dieses absolute Realitätsbewusstsein war die berühmte schwedische Sängerin Birgit Nilsson. Ihre klare Vorgabe an die größten Opernhäuser der Welt, nur innerhalb einer bestimmten Disposition ihre Vorstellungen zu singen, nämlich mit drei Tagen Pause dazwischen und auch nur für eine bestimmte Anzahl von Vorstellungen zur Verfügung zu stehen, liest sich hier leicht und wenig bedeutend, ist aber ein massiver Eingriff in die Planungshoheit eines enorm komplexen Betriebes! Aber die Entscheidungsträger an den jeweiligen Opernhäusern wussten bei dieser Klarheit genau, woran sie waren und mussten ständiges Nachbessern oder konstante Änderungswünsche nicht befürchten. Realitätsbewusstsein – oder besser Bodenhaftung – auch in wirtschaftlicher Hinsicht ist ein anderes Merkmal von Profis. Birgit Nilssons wunderbare Aussage, sie könne „einen 10-Mark-Schein von einem 1000-Mark-Schein unterscheiden“, war nicht nur für ihre knallharten Gagenverhandlungen relevant, sondern auch für ihre unspektakuläre Lebensweise, fern von Skandalen oder der Notwendigkeit, ihre Leistungen von PR-Agenturen dem Publikum nahe bringen zu müssen.

8 Ausstrahlung

Abschließend soll nach all diesen Betrachtungen über erlernbare Techniken und trainierfähigen Talenten eine karrierestützende und vielleicht am schwierigsten zu definierende Fähigkeit kurz beleuchtet werden: nach all den Charaktereigenschaften und persönlichkeitsimmanenten Kompetenzen eines erfolgreichen Opernsängers bleibt die wesentlichste Eigenschaft, nämlich die Frage nach seiner Ausstrahlung oder des Charismas. Diese „Starqualität“ auf der Bühne zu haben, ist neben einer außergewöhnlichen Stimme und einer darstellerischen Ausdrucksfähigkeit das Hauptmerkmal einer erfolgreichen Karriere als Opernsängerin und -sänger – ja vielleicht sogar das ausschlaggebende Moment. Sicherlich, Ausstrahlung allein kann andere Grundvoraussetzungen nicht kompensieren, aber ohne sie wird ein Künstler nicht dauerhaft in der ersten Reihe bestehen können. Ausstrahlung hat man, oder man hat sie nicht. Wenn die Begabung dazu vorhanden ist, kann man versuchen, sie weiter zu entwickeln oder freizulegen. Erlernbar ist sie jedenfalls nicht!

Eine charismatische Bühnenpersönlichkeit wird zum Sympathieträger und bietet dem Publikum Projektionsflächen und Identifikationsmöglichkeiten. Sie können Gefühlswelten jedes einzelnen Menschen im Publikum auf die Bühne bringen und Stimmungen schaffen, die beim Zuschauer durch die ausgeübte Faszination vollste seelische Aufmerksamkeit und Konzentration schafft in einer Weise, wie sie fast nur auf der Bühne (mit-)zuerleben ist. Bedeutende Opernsänger können durch ihr Charisma auf der Bühne zusammen mit der Musik Einblicke in wahrhaftige Persönlichkeiten mit allen menschlichen Gefühlsfacetten geben: Liebe, Trauer und Tod, Freude oder überschwängliche Begeisterung und dem immer wiederkehrenden Leitmotiv der europäischen Kunstform der Oper: der menschlichen Einsamkeit. Wenn ein Bühnenkünstler, ob Opernsängerin oder Opernsänger, Schauspieler oder Tänzer die Zeit still stehen lassen kann und die uneingeschränkte Aufmerksamkeit der Menschen im Publikum hat – und für diese Aufmerksamkeit, es so weit zu bringen, nimmt er alle Mühen und Arbeit auf sich – dann kann man von einem großen Künstler sprechen, der unvergängliche Momente des Lebens für die Erinnerung schafft.

Thomas Herwald

Text herausgegeben von Prof. Dr. Elmar Konrad